Unwiderstehlich zu sein – eine Eigenschaft, die für Unternehmen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Denn viele Unternehmen sind in den letzten Jahren verstärkt mit Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Zum einen sind es die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden, die sich einem Wandel unterziehen. Vor allem bei den Generationen Y und Z, nehmen unter anderem eine ausgeglichene Work-Life-Balance, Selbstverwirklichung und Flexibilität einen immer wichtigeren Stellenwert ein (Charly Media, 2020). Zum anderen ist es der Fachkräftemangel, der die Unternehmen immer mehr vor Herausforderungen stellt und der "Kampf um die Talente" hat schon längst begonnen (Personalwirtschaft, 2021). Spätestens jetzt müssen sich Unternehmen Gedanken machen, wie sie diesen Kampf bestenfalls für sich entscheiden können und wie sie es schaffen, kompetentes Personal zu gewinnen und dieses vor allem auch an sich zu binden – eben unwiderstehlich zu sein.

Unter anderem aus diesem Grund taucht zunehmend der Begriff "Employee Experience" in der Arbeitswelt auf. „Employee Experience beschreibt die Summe aller Berührungspunkte, die ein Arbeitnehmender mit seinem Arbeitgebenden hat, vom Zeitpunkt der Bewerbung bis hin zum Austritt aus dem Unternehmen. Das umfasst Interaktionen, Eindrücke und Emotionen“ (Personio, o.D.).

Einer der bekanntesten Autoren zu diesem Gebiet ist Josh Bersin. Josh Bersin ist ein globaler Branchenanalyst und beschäftigt sich, mittels dem von ihm gegründeten Unternehmen, der „Josh Bersin Academy“, mit der Unterstützung und Führung von HR-Organisationen (Bersin & Enderes, 2021). Gemeinsam mit seinem Team hat er bereits einige Studien zu diesem Thema durchgeführt und das Modell der sogenannten "Irresistible Organization" entwickelt. Hierbei beschreibt er verschiedene Elemente, die alle in gewisser Weise Einfluss auf die Employee Experience eines Arbeitnehmenden mit einem Unternehmen haben. Die „irresistible organization“ ist die Idee, eine „einfach unwiderstehliche Organisation“ für aktuelle und potenzielle Mitarbeitende zu sein (Personalwirtschaft, 2018). Diese unwiderstehliche Organisation besteht aus sechs Hauptelementen: Bedeutsame Arbeit, Management und Führung, angenehme Arbeitsumgebung, Gesundheit und Wohlbefinden, Entwicklungsmöglichkeiten und dem vertrauensvollen Umgang innerhalb des Unternehmens. Diese sechs Elemente werden gestützt vom einem Basis-Element, nämlich von Technologien und prozessgestützter Software. All diese Bestandteile bilden gemeinsam einen Rahmen für die Employee Experience innerhalb eines Unternehmens und dienen als eine Art Leitfaden, diese zu gestalten und stetig zu verbessern.

Über dieses Modell der unwiderstehlichen Organisation und deren Elemente hat Josh Bersin 2021 eine Studie in den USA durchgeführt und veröffentlicht, um deren Relevanz und Einfluss für Arbeitnehmende zu analysieren. Um diesen Eindruck auch für den deutschen Arbeitsmarkt zu erlangen und Erkenntnisse über die wichtigsten Elemente und Kategorien aus Sicht der Arbeitnehmenden in Deutschland zu gewinnen, hat die advise research gmbh eine Studie durchgeführt, bei der knapp 2000 Teilnehmende zum Thema „Employee Experience“ befragt wurden. Dabei wurden im wesentlichen Fragen zu den Elementen der Irresistible Organization sowie dem allgemeinen Verständnis über EX gestellt. Folgende Erkenntnisse lassen sich aus der Erhebung ableiten:

  1. Employee Experience ist noch nicht in den deutschen Unternehmen und deren Mitarbeitenden angekommen.
  2. Die Unbekanntheit des Begriffs führt zu Missdeutung. So versteht die Mehrheit darunter den Erfahrungsaustausch unter Mitarbeitenden.
  3. Wenn Employee Experience kein Fremdwort mehr ist, wird Employee Experience ein hoher Stellenwert von Arbeitgebenden und Mitarbeitenden zugesprochen.
  4. Die drei wichtigsten Elemente, die eine Organisation unwiderstehlich machen, sind eine angenehme Arbeitsumgebung, das entgegengebrachte Vertrauen innerhalb eines Unternehmens sowie Gesundheit und Wohlbefinden.
  5. Doch trotz einer guten Employee Experience, ist die Macht des Geldes im Zweifelsfall oft entscheidend.

Wenn nun aber nicht das Gehalt entscheidend, sondern die "Unwiderstehlichkeit" ausschlaggebend ist, gilt es zu wissen, welche Elemente für Mitarbeitende am wichtigsten sind.

Abbildung 1: Ranking der Elemente

1. Angenehme Arbeitsumgebung
Am Arbeitsplatz verbringen wir täglich den größten Teil unserer Zeit. Daher ist es umso entscheidender, dass unsere Arbeit nicht nur ein Ort ist, den wir täglich aufsuchen. Gerade in der aktuellen Zeit erlangt Flexibilität einen ganz neuen Stellenwert. So gehören zu einem flexiblen Arbeitsumfeld nicht nur frei wählbare Arbeitszeiten – auch der Ort, von dem aus wir arbeiten, wird losgelöst von festen Büroräumen oder Standorten. Spätestens seit der Pandemie ist Remote-Work oder Home-Office ein fester Bestandteil der Arbeitskultur vieler Unternehmen geworden. Doch dieser Gewinn an Flexibilität ist nur dann zu gewährleisten, wenn es zum einen unterstützende Prozesse und Systeme gibt, die zu einer produktiven Arbeitsgestaltung beitragen. Zum anderen gibt es neben diesen technischen Komponenten, auch bestimmte soziale Aspekte, die essenziell für eine angenehme Arbeitsumgebung sind. Jeder von uns weiß, wie motivierend und wohltuend es sein kann, Dank und Anerkennung bei der Arbeit zu erhalten oder auch umgekehrt, dies an andere weiterzugeben. Gerade wenn vieles durch die Arbeit im Home-Office „unsichtbar“ für andere wird, kann eine Kultur der Anerkennung dabei helfen, selbst die „virtuelle“ Arbeitsumgebung angenehm zu gestalten.

2. Vertrauen innerhalb des Unternehmens
Eines der wichtigsten Elemente, die ein Unternehmen unwiderstehlich werden lässt, ist der vertrauensvolle Umgang innerhalb des Unternehmens oder einer Organisation. Dabei sind es vor allem Begriffe wie Transparenz und Ehrlichkeit, die in diesem Zusammenhang am wichtigsten sind. Gerade im jetzigen Zeitalter, in dem Informationen und Mitteilungen durch die digitalen Kommunikationskanäle in Höchstgeschwindigkeit verbreitet werden ist es von großer Bedeutung für Unternehmen direkt, verständlich und ehrlich mit ihren Mitarbeitenden zu kommunizieren. Gelangen wichtige Informationen (positiv wie negativ) auf Umwegen oder womöglich durch Zufall an die Mitarbeitenden kann dies durchaus zu Unmut und Vertrauensverlust führen. Ein weiterer wichtiger Faktor aus Sicht der Arbeitnehmenden, der zum vertrauensvollen Umgang gehört, ist die kontinuierliche Investition in die Mitarbeitenden sowohl in guten als auch in weniger guten Zeiten. Diese Investition kann auf verschiedene Art und Weise stattfinden. Von regelmäßigem Austausch und Feedback, bis hin zu anderen unterstützenden Maßnahmen wie beispielsweise After-Work-Meetings, etc..

3. Gesundheit und Wohlbefinden
Noch nie waren Gesundheit und Wohlbefinden so ein großes Thema in der Arbeitswelt wie zu Zeiten der Pandemie. Viele Unternehmen haben sich den Schutz ihrer Mitarbeitenden zu einer der wichtigsten Aufgaben gemacht. Dabei geht es nicht allein um den Schutz vor Infektionen. Auch die mentale Gesundheit spielt dabei eine große Rolle. Vor allem Arbeitnehmende, die keine Möglichkeit haben von Zuhause aus zu arbeiten, legen großen Wert auf einen sicheren Arbeitsplatz. Das emotionale und psychologische Wohlbefinden wurde gerade in den letzten zwei Jahren wohl so häufig wie noch nie thematisiert. Durch den zunehmenden Anteil an Mitarbeitenden im Home-Office und zusätzlich erschwerende Bedingungen, wie z. B. wegfallende soziale Kontakte und Interaktionen, Ausfälle in der Kinderbetreuung, Home-Schooling. etc. sind viele emotional und psychisch an ihre Grenzen gestoßen. Durch die stattgefundene Sensibilisierung und das entstandene Bewusstsein für dieses Thema bei vielen Mitarbeitenden, ist es für Unternehmen daher umso wichtiger, dahingehend entsprechende präventive Maßnahmen zu ergreifen und ihre Mitarbeitenden auch in Zukunft mit gezielten Aktionen zu unterstützen.

4. Bedeutsame Arbeit
Das Herzstück unseres Jobs ist unter vielen anderen Faktoren immer noch die Arbeit selbst. Viele Rahmenbedingungen können noch so gut auf einen Arbeitnehmenden abgestimmt sein – wenn die Arbeit selbst nicht erfüllend ist, dann wird es auf Dauer schwierig sein, Motivation und Produktivität aufrecht zu erhalten. Für viele Mitarbeitende gehört dazu auch die Möglichkeit möglichst autonom und eigenverantwortlich zu agieren. Zu viel Kontrolle oder starre Strukturen führen oft dazu, dass die Arbeit nicht so reibungslos funktioniert, wie wenn man den Mitarbeitenden selbsttätig laufen lässt. Oft entstehen dadurch Unsicherheiten oder unnötige Zwischenschritte, die den Workflow einbremsen (Strelecky, 2007).

5. Entwicklungsmöglichkeiten
Eine nicht vorhandene oder nicht ausreichend vorhandene Entwicklungsperspektive ist einer der meistgenannten Gründe, wenn Mitarbeitende ein Unternehmen verlassen (Bersin, 2021). Für Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden langfristig an sich binden möchten, ist es daher essenziell, mögliche Entwicklungsstufen zu definieren und vor allem auch zu kommunizieren. Darüber hinaus werden Entwicklungsmöglichkeiten in verschiedenste Richtungen als positiv wahrgenommen. Dies gibt den Mitarbeitenden eine gewisse Flexibilität in ihrer individuellen Entwicklung. Dabei spielt auch selbstgesteuertes und dynamisches Lernen eine wichtige Rolle.

6. Management und Führung
Management und Führung bilden ein weiteres wichtiges Element, wenn es darum geht, Mitarbeitenden ein positives Erlebnis im Unternehmen zu bieten. Nicht nur aus Sicht der Mitarbeitenden ist dies ein entscheidender Faktor. Auch aus Sicht des Managements selbst, wird eine positive Employee Experience der Mitarbeitenden immer wichtiger. Denn positive Erlebnisse bringen Zufriedenheit, was sich wiederum in der Leistung und Motivation der Mitarbeitenden widerspiegelt und sich letztendlich bis zur daraus resultierenden höheren Zufriedenheit der Kunden weiterspinnen lässt (Personalwirtschaft, 2019). Zum einen können klare und transparente Ziele dabei helfen, positive Erfahrungen auszulösen. Indem den Mitarbeitenden vermittelt wird, auf welche Ziele hingearbeitet wird und welchen Beitrag sie dazu leisten können, trägt dies wesentlich zur Produktivität und Zufriedenheit bei. Zum anderen können regelmäßige Coachings und Feedbackgespräche dabei helfen, dass Mitarbeitende positive Erlebnisse in Bezug auf Management und Führung erfahren.

7. Technologien und prozessgestützte Software
Doch all diese Elemente können nur dann erfolgreich zu einer positiven Employee Experience beitragen, wenn auch das Basis-Element „Technologien und prozessgestützte Software“ ausreichend vorhanden ist. Hierbei sind es häufig arbeitsunterstützende Systeme, die die tägliche Arbeit erleichtern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unter den sechs Elementen vor allem die Elemente angenehme Arbeitsumgebung, der vertrauensvolle Umgang im Unternehmen sowie Gesundheit und Wohlbefinden maßgeblich dazu beitragen, eine Organisation oder ein Unternehmen unwiderstehlich zu machen. Mitarbeitende wünschen sich Flexibilität auf allen Ebenen. Sie schätzen Transparenz und eine Kultur der Anerkennung und nicht zuletzt ist ihnen ein sicherer Arbeitsplatz sowie die emotionale und psychische Gesundheit von großer Bedeutung. Nichtdestotrotz ist der monetäre Faktor für die meisten immer noch der wichtigste Grund, sich für ein Unternehmen zu entscheiden oder sich zu binden.

Den Unternehmen werden auf ihrem Weg zur Unwiderstehlichkeit also weiterhin, durch klassische Treiber wie dem Gehalt, Steine in den Weg gelegt. Jetzt liegt es an ihnen, durch gezielte Maßnahmen, die auf die wichtigsten Elemente zu einer positiven Employee Experience einzahlen, einen Unterschied zu machen und dieses Mindset bei den Arbeitnehmenden durch unwiderstehliche Benefits zu durchbrechen. Denn dieser Weg zur Unwiderstehlichkeit ist am Ende ein Gewinn für beide Seiten.




Verfasserin: Irina Schramm, advise research gmbh

Literatur:

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